„Mir fällt nichts ein!“

So wie dieses Zitat ist das, was Aljoscha aka Bertolt Brecht mit seinen Akteurskollegen da auf der Bühne vor zunächst gut gefüllten Rängen proklamiert, mitnichten einfallslos, obgleich doch recht besonders: Premiere hatte „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ der Ruhrfestspiele Recklinghausen am 13. Juni 2018.

Offenlegung: Zur Premierenaufführung des Ruhrepos wurde ich als „prominenter Ruhrgebietsvertreter“ von der Evonik Industries AG eingeladen. Das hat mich – auch ob dieser Betitelung – sehr gefreut. Die Evonik ist neben der RAG-Stiftung Hauptsponsor der Ruhrfestspiele, herzlichen Dank für diese Möglichkeit in doch recht außergewöhnliche Kultureinblicke. Meine Meinung bleibt die eigene.

Heimat. Das ist das Motto der Ruhrfestspiele 2018, die seit 72 Jahren in Recklinghausen beheimatet sind.
Heimat. Das ist das Motto der Ruhrfestspiele 2018, die seit 72 Jahren in Recklinghausen beheimatet sind.
Evonik hat hier eine schöne Aussage getroffen.
Evonik hat hier eine schöne Aussage getroffen.

1927, das ist eine aufregende Zeit in der Welt, und auch an der Ruhr. In Essen werden die Folkwangschulen gegründet, der Name „Ruhrgebiet“ wird erstmals Verwendung finden (inkl. der hier umme Ecke erfundenen, gelbschwarzen Ortseingangsschilder). Es ist auch die Zeit z.B. von Clärenore Stinnes aus Mülheim an der Ruhr, die als erster Mensch überhaupt in einem Auto aufbricht, die Welt zu umrunden.

Im Foyer.
Im Foyer.

Auf die Recklinghäuser Theaterbühne bringt das avantgardistische Theaterprojekt mit dem Ruhrepos nun eine Geschichte, ein für 1927 einst in Essen geplantes Werk von Bertolt Brecht und Kurt Weill, zusammengetragen und inszeniert von dem deutschen Dramatiker Albert Ostermaier und dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson.

Hintergrund: Die Ruhrfestspiele nehmen dieses Jahr thematisch das Ende des Steinkohle-Bergbaus in Deutschland auf. Das ist eine weitgehend gemeinsame Geschichte übrigens, man könnte fast sagen, dass es initial eine Symbiose gewesen wäre. Im Winter 1946/47 nämlich waren die Hamburger Theater eiskalt geworden, es gab nichts mehr zum Heizen. Mit zwei LKWs fuhr daraufhin eine kleine Truppe ins Ruhrgebiet und die Kumpel einer Recklinghäuser Zeche halfen den Hamburger Theaterleuten tatsächlich mit mehreren Ladungen Kohle (schmuggelten sie gar an den Besatzungsmächten vorbei). Im Sommer darauf kamen die Hamburger zum Dank wieder: diesmal kamen 150 Schauspielern von drei Bühnen mit und sie führten erstmals unter dem Motto „Kunst gegen Kohle“ Werke für die hiesigen Kumpel auf. Seit diesem Jahr gibt es die Ruhrfestspiele mit Höhen und Tiefen, aber immer als Kunst für alle.

Gleichzeitig finden anläßlich des Ende des Bergbaus übrigens noch bis 16.09. in 17 Ruhr-Kunst-Museen Ausstellungen zum gemeinsamen Thema „Kunst und Kohle“ statt, doch dazu gibt es später noch einen eigenen Blogartikel.

Die Geschichte der Ruhrfestspiele.
Die Geschichte der Ruhrfestspiele.
Eine der "Kunst & Kohle"-Ausstellungen findet gerade in der Kokerei Zollverein statt: "Das Zeitalter der Kohle" kann auch mit Ruhrfestspiel-Motiven aufwarten!
Eine der „Kunst & Kohle“-Ausstellungen findet gerade in der Kokerei Zollverein statt: „Das Zeitalter der Kohle“ kann auch mit Ruhrfestspiel-Motiven aufwarten!
Kumpel in concert.
Kumpel in concert.

Zurück zum Stück: das hat es in sich. Ich mag die teils minutenlangen Monologe im Duett, wenn sich die Darsteller etwa synchron aus Brechts Briefen vorlesen. Ich mag die Bühne, ein schönes Spiel mit wechselnden Tiefenebenen und Aufbauten, und, hey: Kauenkörbe! Wunderbare Momente entstehen, wenn schwarze Riesenmurmeln die Fördermengen der Kohle im Laufe der Jahrhunderte lebendig werden lassen. Fast zu lebendig, schafft sich das Theater hier doch gleich ganz schöne Stolperfallen, die mehrfach der Schauspiel-Crew die Füße wegziehen… Und dann die riesigen Videoinszenierungen mit echten Szenen aus der Konserve, aber auch extra Gedrehtes wie die Erinnerungen des Kumpels Uwe, der im Trainingsbergwerk Recklinghausen nun Besucherführungen organisiert – gleich umme Ecke vom Festspielhaus übrigens, könnte es einen besseren Ort geben? Eine intonierte Schimpfwort-Tirade mit Ruhrpott-Perlen deutscher Kraftausdrücke, ja, das war alles doch recht großartig!

Üblicherweise wird in einem Schauspielhaus nicht fotografiert, daher gibt's keine Fotos von der Vorstellung selbst. Ein Blick im Saal zur Deckenbeleuchtung.
Üblicherweise wird in einem Schauspielhaus nicht fotografiert, daher gibt’s keine Fotos von der Vorstellung selbst. Ein Blick im Saal zur Deckenbeleuchtung.
Es ist manchmal schwer, ein Zuschauer zu sein.
Es ist manchmal schwer, ein Zuschauer zu sein.

Aber auch das ist das Stück: in gut vier Stunden, inklusive Pause, versucht das Ruhrepos wohl vor allem zu sich selbst zu finden. Ich empfinde es stellenweise deutlich langatmig, viele Referenzen verstehe ich als seltener Theatergänger kaum. Ein englischer Monolog kurz vor der Pause bietet tatsächlich eine gute, wertvolle Zusammenfassung, diese wird aber vermutlich nicht von allen Besuchern verstanden werden. Und der richtige Hammer (auf Ruhrdeutsch: Mottek) begleitet einen unausweichlich gleich von Anfang an: bestimmt zwei Schachteln Zigaretten werden insgesamt in den ersten anderthalb Stunden von der achtköpfigen Schauspieltruppe durchgequarzt. Husten im Publikum ist da nicht das einzig Unangenehme, was davon in Erinnerung bleiben wird. Bäh! Für Nichtraucher ist das Stück damit definitiv nicht geeignet. Insgesamt besetzten denn dann auch nur noch etwas mehr als die Hälfte der Besucher aus dem ersten Akt nach der Pause die Ränge. Schade für die Schauspieler!

Denn den Schauspielern mag ich das bestimmt nicht anlasten, sie haben toll und engagiert gespielt und sich durch die vier Stunden im wahrsten Sinne manchmal getastet, manchmal getanzt, natürlich auch gesungen (ist schließlich eine Oper), mal mit der Lampe auf der Stirn, mal im Clownskostüm, mal im Bergmannskittel. Erkannt habe ich aus der „heute Show“ übrigens Bettina Lamprecht, das war überraschend.

Bühne frei!
Bühne frei!
Vor dem Festspielhaus.
Vor dem Festspielhaus.

Alles in allem wurde somit insgesamt eben viel Potenzial vergeben, eine klare Empfehlung zum Besuch des Ruhrepos, dieses ganz speziellen Stückes in einer Vielzahl vieler Aufführungen, kann ich daher dieses Mal nicht aussprechen.

Aber es gibt ja noch einige Werke mehr zu besuchen: die Ruhrfestspiele werden dieses Jahr noch bis einschließlich 17. Juni gegeben, das Ruhrepos gehörte bereits zu den letzten Stücken. Details und Programm findet Ihr auf der offiziellen Seite der Ruhrfestspiele. Nächstes Jahr habe ich mir vorgenommen, noch einmal reinzuschauen!

Mein Extra-Tipp: Es gibt im rechten Foyer eine kleine Ausstellung mit Zechenbezug. Das (Unter-Tage-)Modell von Zeche Schlägel und Eisen ist echt beeindruckend! Auch die Kauenkorb-Beleuchtung im Foyer ist ein Hingucker.

Ich liebe diese Leuchten aus Kauenkörben!
Ich liebe diese Leuchten aus Kauenkörben!
Ein Modell der Zeche "Schlägel und Eisen", Herten. Über Tage...
Ein Modell der Zeche „Schlägel und Eisen“, Herten. Über Tage…
...und Unter Tage. Wow!
…und Unter Tage. Wow!
Tolles Plätzchen, oder?
Tolles Plätzchen, oder?
Zechenerinnerungen.
Zechenerinnerungen.
Gut zu wissen!
Gut zu wissen!
Ruhrepos. Die Ruhrfestspiele Recklinghausen und eine ganz besondere Premiere.
Markiert in:                 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.