Nachdem ich Euch hier im Blog bei wahlheimat.ruhr ja schon einige Drehorte für die Verfilmung von Frank Goosens „Sommerfest“ durch Sönke Wortmann vorgestellt habe – der Film ist seit 29. Juni im Kino zu sehen – kommen hier nun Darsteller, Regisseur und Buchautor einmal selbst zu Wort.

Gelegenheit dazu hatte wahlheimat.ruhr – meine Frau Gerlinde und ich – auf der letzten Etappe der Kinotour anläßlich des Filmstarts bei einem Besuch in der Filmpassage in Mülheim an der Ruhr am 1. Juli 2017.

Sommerfest auf Kinotour.
Sommerfest auf Kinotour.

Das Publikumsgespräch

Nachdem zunächst einmal „Sommerfest“ auf der Leinwand gezeigt wurde, folgte anschließend ein öffentliches Publikumsgespräch, dessen Highlights ich hier einmal zum Besten gebe. Anwesend waren dabei Elfriede Fey, ein Bochumer Original, das die Büdchenbesitzerin im Film spielt, sowie Frank Goosen als Buchautor und Sönke Wortmann als Drehbuchautor und Regisseur.

Sönke: Vor drei Jahren im Urlaub einen Roman von Frank Goosen gelesen, nämlich Sommerfest. Und da stand dann halt so viel drin, was mir so bekannt vorkam, die Typen, die Gegenden – das kannte ich alles. Und dann wollt ich’s unbedingt machen. Und dann hab ich’s auch gemacht.
Wir sind jetzt auf Tournee – wir waren schon ganz im Norden und im Süden. Und das Schöne war, das es nicht nur im Ruhrgebiet gut ankam, sondern das auch verstanden wurde, was uns hier so ausmacht – auch in Stuttgart, Mannheim, Bremen, Osnabrück, Münster, Bielefeld – das war total schön, das so zu erleben. Und heute ist die allerletzte Vorstellung auf der Tournee – und was mich freut, ist die allererste Szene des Films, im Theater – das war die Stadthalle Mülheim und damit fängt der Film an und hier hört sie jetzt auf, unsere kleine Reise.

Elfriede Fey (mit Bochumer Ruhrpott-Charme): Erste große Rolle. Noch nie Schauspielerin gewesen. Hab mich da reingewurschelt. Ich hab seit 47 Jahren ne Gaststätte und ’n Hotel auf der Hofsteder Straße in Bochum. Und da möchte ich ma‘ mit Krückstück hinter der Theke umfallen. Jetzt noch nicht! Möchte noch’n paar Jahre mitmachen, weil ich mir den Film noch’n paar Mal angucken möchte. Da krieg ich nicht genug von. Es war ein Erlebnis, es war sehr schön. Alle waren nett und lieb und ich zehr da noch lange von!

Sönke: Elfriede, Du hast glaub ich vier Drehtage gehabt und an einem davon haste den Hauptdarsteller unter den Tisch gesoffen.

Elfriede: Da war ich mi’m Stefan einmal um’n Block. Sach ich, wir können ja hier noch wat trinken (in Köln). […] Dann hat der Kellner uns wat Gutes gebracht, dat hat reingehaun! Der Rotwein hat reingehaun, mein lieber Mann! Aber war lecker! Und schön! Hier der Chef [an Sönke gewandt] musste alles bezahlen!

Sönke: Apropos bezahlen: es ist ja bei uns so – hat ja auch in Köln gedreht – der Fahrer holte sie morgens ab. Da hatte sie ihn gefragt, ob er sie auch zurückbringen würde am Ende des Drehtages. Das hat er bejaht, und da hat sie ihm gesagt, ob sie denn nicht bisschen zum Benzingeld dabeitun könnte.

Elfriede: Alles muss der Herr Wortmann bezahlen, dat geht ja auch nicht, ne?

Von links nach rechts: Sönke Wortmann, Elfriede Fey, Frank Goosen und die Filmpassage Mülheim
Von links nach rechts: Sönke Wortmann, Elfriede Fey, Frank Goosen und die Filmpassage Mülheim
Filmpassage Mülheim: Frank Goosen kommt ja auch aus Bochum [Anm. wahlheimat.ruhr/Danny: wie Elfriede], ist das Zufall, hat man sich kennengelernt?

Frank: Ne, das ist wie sooft kein Zufall, das stimmt. Wir wohnen da – im Gegensatz zu Herbert Grönemeyer bin ich ja auch in Bochum geboren. Der Kontakt zu Elfriede ging so, dass ich mal Sönke Wortmann und seinen Kameramann und die Ausstatterin und die Regieassistentin durch Bochum begleitet habe auf der Suche nach Motiven und dann sind wir nachmittags bei Elfriede eingekehrt und haben bisschen was getrunken, weil ich denen auch die Kneipe mal zeigen wollte und Sönke Wortmann war sowieso auf ner Suche nach ner Kneipe als Motiv. Und da war’n sie dann so begeistert, dass sie sie – nicht ganz vom Fleck weg aber dann doch – engagiert haben. Also die Idee war von Sönke selber, sie so zu besetzen.
Ich persönlich bin vor Jahren in die Kneipe gekommen durch den Chef der Bochumer Fiege-Brauerei, mit einem Satz, der wirklich wie für die Bühne geschrieben ist! Der rief mich und sagte „Hr. Goosen, kommse mal mit ins Haus Fey, die Frau Fey hat hinter’m Haus zwei Hängebauchschweine. Die kommen einmal am Tach hinter den Tresen und kriegen einen Schokoriegel!“ Da hab ich gesagt, das muss ich sehen! Und die war’n auch tatsächlich da und ich hab sie dann gefragt: kommen die denn immer noch hinter’n Tresen – denn das war’n richtige Monster – da sagt’se „Ne, die sind doch viel zu dick – ich krieg die nicht mehr gedreht!“ Und seitdem war ich öfter da und so ist der Kontakt zustande gekommen. Elfriede macht da natürlich was in der Szene, was in dieser Echtheit und Authentizität wirklich einmalig ist. Das sind so kleine Sachen, die dann auch Schauspielerinnen nicht hinkriegen. So wat Echtes, ne!

Filmpassage Mülheim: Der Frank Goosen, ich glaube in einer Szene, ham sie ihn erkannt?

Frank: Typgerecht besetzt. Musste auch ma erschüttert gucken, ne, und das ist sogar mein privates Hemd!

Filmpassage Mülheim: Herr Wortmann – was im Film auftaucht, ist ja auch so eine Identitätsfrage. Ganz häufig wird man ja selber auch, wenn man aus’m Ruhrgebiet kommt, wenn man auswärtig unterwegs ist, wird man mit Fragen konfrontiert, „ist ja alles bei Euch dreckig, könnt Ihr die Wäsche überhaupt draußen aufhängen.“ Heutzutage ist es ja nicht mehr so wie früher, aber es ist ja immer so ne Identitätsfrage auch. Alle wie wir hier vorne stehen und Sie im Saal, kommen ja aus’m Ruhrgebiet. Die Zechen machen zu, Arbeitslosigkeit und viel Dreck und andere Probleme […] – ne Identitätskrise hat das Ruhrgebiet glaub ich nicht, eher im Gegenteil, oder?

Sönke: Das kann Frank Goosen viel besser beantworten!

Frank: Ja, also, ich muss tatsächlich sagen, jedenfalls bis 1998 hat meine Schwiegermutter die aus Franken kommt geglaubt, man könne bei uns nicht mit’m weißen Hemd durch die Bochumer Innenstadt gehen ohne sich hinterher den Ruß aus’m Kragen wischen zu müssen. […] Bisschen schwächt sich das natürlich ab mit den Klischees, auch weil die Zechen jetzt eben unwiderruflich komplett dicht machen, Ende 2018 schließt ja die letzte, Tatsache ist aber, dass sich manche Sachen hartnäckig halten und man immer so’n bisschen dagegen arbeiten muss. Wobei mein Weg dabei ist gar nicht, so zu sagen „Wir haben aber ganz viele Bäume und so und ist auch alles ganz schön, und wir sind auch viel schlauer als man so glaubt“, das ist alles Tinnef, das bringt einen sofort in so ne Defensive. Ich sag den Leuten immer „Wenn Ihr das alles glauben wollt, dann glaubt es doch!“ Im Gegenteil, man muss das auch ironisch so bisschen brechen, man muss da drüber stehen! Wenn man immer nur rumläuft, und sich defensiv verhält, und sacht „Ja, ne, bei uns is auch schön!“ Ja, sicher, is bei uns schön, sonst würden wir ja nicht hier wohnen – aber wir müssen das Selbstbewusstsein haben, das nicht jedem erklären zu wollen. Soll’n se hier hinkommen und sich das angucken! Und, man sollte sich glaub ich, und das ist ne ganz wichtige Sache, zu dem bekennen, was einen einzigartig macht. Und das ist eben auch nicht die Landschaft oder so – das ist der Menschenschlag hier und das ist natürlich auch das Erbe der Schwerindustrie. […] Aber, jedenfalls mein Oppa väterlicherseits ist eingefahren und das steckt ja in uns allen drin, diese lange Geschichte. Ob wir jetzt wirklich alle noch auf’n Pütt waren oder nicht, aber es hat diese Gegend nunmal geprägt. Und das unterscheidet uns von anderen. Und wenn man ne Identität entwickeln will muss man sich auf das konzentrieren, was einen einzigartig macht. Datt heißt aber nicht, dass man permanent immer nur zurückguckt und sagt „früher war alles besser“! Das war natürlich nicht so. Da braucht man bisschen Selbstbewusstsein und manchmal auch ein bisschen Selbstironie bei der ganzen Sache.

Sönke: Das meinte ich: das hätte ich nie so gut formulieren können!

Frank: Das haben wir vorher geübt!

Mülheimer Publikum: Gibt’s bei Ihnen eine Jugendliebe?

Sönke: Ja, ich hatte zwei! [Lachen aus dem Publikum] Nicht gleichzeitig! Man weiß ja immer die Namen, ist ja lustig: die erste war Ute Picharzek aus Marl, Lukas spielt mit einer Simone Picharzek, das habe ich angelehnt. Damals „ging man miteinander“, und ungefähr so eine Woche lang, und ich ging eine Woche mit Ute Picharzek und durfte sie auch küssen und dann knutschte sie aber mit meinem besten Freund und dann hab ich sie erwischt, und dann ging sie mit Udo Schäfer. Aber auch nur eine Woche, aber ich war dann ziemlich traurig.
Die zweite, da war ich 17, sie war auch 17, hatte aber nen Freund, der war 22 und hatte schon ein Auto…

Elfriede: Hat weh getan, ne?

Sönke: Ja, total!

Elfriede: Ich kann da ’n Lied von singen! Ich war im Turnverein, TuS Hamme in Bochum, und vier Stunden jeden Tag, vier Stunden jeden Tag! Und da hat mein Mann gesacht: entweder Du turnst mit mir oder Du bleibst weiter im Verein! Da hab ich gekündigt. Hab ich mit mein Ölleken geturnt. War etwas schöner, ja!

Mülheimer Publikum: Sie sagten ja, sie kamen zu dem Buch und entschieden sich dann irgendwann, den Film zu machen. Wie war das denn, wie kamen sie darauf „Ok, ich hab jetzt dieses Buch in der Hand und ich möchte daraus nen Film machen, weil mich das so sehr fasziniert“?

Sönke: Ich hab das sozusagen im Blut, weil ich ja immer sozusagen offen für Stoffe bin. Wenn ich dann das lese, wo mein, wie sagt man, mein Nervensystem, sagt dann „Ja, das sieht nach Film aus!“ Wenn ich weiterlese, immer mehr, so kommt das. Also, das ist eine reine Gefühlsentscheidung, ne reine Bauchentscheidung und so treff ich die. Ich suche nie, aber es kommt dann meistens doch zu mir.

Publikum: Aus welcher Ruhrgebietsstadt kommen Sie denn Herr Wortmann?

Sönke: Ich komm aus Marl! [dehnt das „L“…]

Publikum: War es für die Schauspieler schwer, sich in die Ruhrgebietssprache reinzudenken?

Sönke: War überhaupt nicht schwer, weil die alle hierher kommen. Alle die Ruhrpott sprechen, sind hier aufgewachsen, sind von hier. Es gibt ein paar Leute, die es nicht sprechen müssen, wie z.B. Charlie – kommt aus Hamburg – und der Bestatter – kommt… keine Ahnung, hab ich vergessen. Also es gibt auch Hochdeutsch, weil ja im Ruhrgebiet auch Hochdeutsch gesprochen wird. Es ist ja nicht so, dass wir nur „dat“ und „wat“ sagen!

Publikum: Gibt’s das Badezimmer wirklich?

Sönke: Auch das eine relativ schöne Anekdote. Das steht in Bochum, dieses Haus. Eine 94-jährige Dame ging in’s Altersheim und unsere Ausstatter haben da irgendwie von mitgekriegt durch einen Tipp und wir kamen in diese Wohnung rein und haben nichts verändert. Das ist genau so! Das Badezimmer sieht so aus, das Wohnzimmer sieht so aus, die Küche sieht so aus. Man kann’s gar nicht besser bauen, wenn man müsste. Nur das Jugendzimmer haben die oben eingerichtet, ansonsten alles genauso. Glück gehabt!

In der Filmpassage Mülheim hat jemand liebevoll dekoriert!
In der Filmpassage Mülheim hat jemand liebevoll dekoriert!
Mülheimer Publikum, an Frank: Haben Sie mal nachgedacht, dass das Buch auch „Jugendliebe“ heißen hätte können, oder war das nie ne Überlegung, diese Doppeldeutigkeit vielleicht?

Frank: Ne, hab ich nicht. Ich wär jetzt darauf nicht gekommen. Ich bin bisschen zurückhaltend, das Wort „Liebe“ im Titel zu verwenden. Ich weiß, dass das immer verkaufsfördernd ist aber das wäre mir zu dicke gewesen und würde – was den Roman angeht – auch über das Thema ein bißchen einengen, hätte ich das Gefühl gehabt. So reim ich mir das jetzt so zurecht. Aber ich bin irgendwann auch so auf „Sommerfest“ gekommen und fand das so nen schönen, positiven Titel, der im Buch ja auch insofern noch ne zweite Bedeutung hat, weil da die Sperrung der A40 im Kulturhauptstadtjahr noch ne Rolle spielt, was den Film jetzt überfrachtet hätte, deswegen ist das völlig ok, dass da nicht drin vorkommt. Und deshalb war ich immer sehr zufrieden mit dem Titel!

Publikum: Ich hätte mir so ein bißchen mehr Kontrast gewünscht. Man hat dieses Milieu gesehen und man hätte auch mal das andere Milieu sehen können, was das Ruhrgebiet bietet. Ich denke mal, Hamburger oder Münchener, die kriegen ein ganz falsches Bild vom Ruhrgebiet!

Frank: Ich finde, das die Stärke des Films ist, das genau das drin ist. Wir haben auf der einen Seite bis hin zu dem Kleinkriminellen Olaf ein sehr farbig dargestelltes Milieu. Dann haben wir auf dem Fußballplatz das Milieu, das für mich so ne Scharnierfunktion hat – so ne Typen kenn ich von den Kreisligaplätzen in Bochum und drumrum. Und dann haben wir auf der anderen Seite so jemand wie Frank Tenholt und Co, der heute auf der Zeche als Museumsdirektor arbeitet, auf der sein Vater eingefahren ist. Da haben wir also das eher bildungsbürgerliche Publikum drin. Und das finde ich die Stärke in dem Film, dass sich genau das gegenseitig die Hand gibt. Wir haben jetzt nicht drin, was Bochum Marketing gern drin hätte – das wir die ganze Zeit auf dem neuen Gesundheitscampus Bochum drehen, das ist nicht drin. Das ist weder ein Buch noch ein Film – also ich sprech jetzt mal nur für’s Buch – das den Anspruch hat, das Ruhrgebiet in seiner Gesamtheit abzubilden. Aber ich finde gerade, dass da drin ist, wie sich das Gestern mit dem Heute die Hand gibt. Dieses Gestern gibt’s noch, das gibt’s vor allem als Lücke und als Leerstelle, da wenn er durch das Haus geht und er sieht, da ist grad der Stuhl umgefallen, der Vatter hat da heute noch im Bett gelegen, das sind ja die Bilder für das, was verloren gegangen ist, im Konkreten mit dem Vater, im übertragenen Sinne mit dem Ruhrgebiet. Und dann hat man eben so Leute wie den Frank Tenholt oder die Szene auf Zeche Hannover oder so, die eben ein viel moderneres Ruhrgebiet zeigen. Und ich finde schon, dass beides mit drin ist. Und Sönke Wortmann hat ja auch erzählt, dass sowohl in Süddeutschland als auch in Hamburg oder auch in Bremen der Film sehr gut angekommen ist. Da saßen ja garantiert nicht nur Ruhris drin! Und ich glaube hier kam ja auch dann bisschen Widerspruch auf.

Mülheimer Publikum: Die Szene wo die verfallenen Häuser gezeigt werden…

Sönke: Das ist tatsächlich Gladbeck, wie es im Film auch vorkommt. Die Siedlung Schlägel und Eisen ist das.

Sönke: Vielleicht hat noch jemand ne Frage an Dich, Elfriede, z.B. nach der Adresse?

Elfriede: Bochum! Hofsteder Straße 17! Gegenüber vom Förderturm! Westhoffstraße rein, da geht’s nich mehr weiter. Letzte Haus auf der linken Seite. „Wo wohnt die Elli – dat sacht Euch jeder!“

Sönke: Haste Ruhetach irgendwann mal?

Elfriede: Ne, wenn Schönwetter is‘, is‘ schon um drei Uhr die Gartenwirtschaft auf! Sonst ab sechs.

Sönke: Kein Ruhetag? Du bist jeden Tag da. Wir haben doch auch ’n bißchen Gage gezahlt?

Elfriede: Dat hab ich schon verbraten!

Das Interview

Nach dem Publikumsgespräch konnten wir exklusiv mit Frank und Sönke über den neuen Film sprechen. Einige der Fragen hatte ich vorab über Facebook und Twitter gesammelt.

wahlheimat.ruhr/Danny: Ich habe noch ganz kurz eine Bitte: Wir haben Kinokarten verlost. Wenn jeder von Ihnen eine Nummer von eins bis sechs nennen würde…

Sönke: Ich mag die Vier.

Frank: Dann nehm ich die Fünf.

wahlheimat.ruhr/Danny: Sehr gut, vielen Dank!

Frank: Eigentlich wollte ich die Eins nehmen, aber naja…

Frank: Ich wollte ursprünglich die Vier nehmen!

Sönke: Ist meine Glückszahl!

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Vier plus eins, das passt.

Reserviert für die Darsteller und Autoren.
Reserviert für die Darsteller und Autoren.
wahlheimat.ruhr/Danny: Ich habe tatsächlich mal ein bisschen meine Follower gefragt, die dann denBlog lesen oder bei Twitter und Facebook. Die haben dann jetzt sowas gefragt wie „Den Frank würde ich jetzt fragen, wann der VFL wieder in der ersten Bundesliga spielt“…

Frank: So schnell wie möglich!

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Die Frage gibt es wohl auch öfter.

Frank: Ja, klar. Wann steigen die wieder auf – ich sag immer so schnell wie möglich, diese Saison haben wir uns hervorragend … sie anzugreifen. Der Abstand … es sind nicht so viele superreiche Mannschaften in der zweiten Liga wie in der letzten Saison. Also unser erklärtes Ziel ist in dieser Saison der Aufstieg!

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Ich bin da völlig unbedarft an der Stelle. Wir fragen immer: Was ist schlimmer im Ruhrgebiet – Fan vom falschen Verein oder gar kein Fußballfan zu sein. Wir müssen uns ja leider zu den letzteren zählen…

Frank: Ach, dat finde ich ja nich so schlimm.

Sönke: Ist überhaupt nicht schlimm, nee, wirklich.

wahlheimat.ruhr/Danny: So, dann kommen tatsächlich noch ein paar Fragen zum Film selber: Warum denn Charlie nicht blondgelockt ist, so wie sie sich die Leute vorgestellt haben?

Sönke: Ich weiß ja nicht, wie die Leute sich das vorgestellt haben!

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Blond!

Sönke: Blondgelockt, offenbar…

Frank: Ich glaub, ich hab das tatsächlich so geschrieben…

Sönke: Ja? Ich hab es ja nur einmal gelesen – nee, ich habs öfter gelesen. Ähm. Sie hätte von mir aus auch blond sein können. Also wenn Anna Bederke blond gewesen wäre, dann wäre jetzt die Figur auch blond im Film, aber ich finde sie einfach so wunderschön, auch mit schwarzen Haaren, dass sie es dann geworden ist.

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: D.h. wenn Sie dann ein Casting machen, haben Sie auch eine Optik im Kopf? Oder ist das eher so „der passt da gut ein und Optik wird ggf. angepasst“?

Sönke: Nee, das hat ja schon miteinander zu tun. Natürlich habe ich eine gewisse Vorstellung und wenn ich dann jemanden sehe, dann kann ich erst sagen „passt rein“ Die Figur ist natürlich, die muss halt was haben, dass der am Ende sagt, ich bleib jetzt in Bochum. Weil München ist ja eigentlich die schönere Stadt.

Frank und Gerlinde: Ach, öh, och, nee…

Frank: …aber da lebt man ja nicht, da wohnt man nur…

Sönke: Eben, genau, da gehts dann wieder und naja, er bleibt natürlich bei ihr und da muss es natürlich eine Frau mit Ausstrahlung sein, sonst, egal, wo man herkommt, er wird ja sein Leben wieder ändern und sie muss dann auch ungefähr so aussehen, finde ich.

wahlheimat.ruhr/Danny: Dann eine Frage an Sie beide: Ob Sie denn auch so Filme wie Pottkinder z.B. gucken. Da hat hier in Mülheim also Alexander Waldhelm den Film Pottkinder gemacht. Schauen Sie sowas auch?

Frank: Ich habe ihn noch nicht gesehen. Es ist ja auch so, man kommt ja nicht oft ins Kino, weil man selber abends so oft auftritt. Und ich trete unter der Woche oftmals selber auf, und ich habe ja auch noch andere Termine und deshalb komme ich ins Kino nicht öfter als zwei, drei Mal im Jahr.

Sönke: Ich hab von dem Film noch nicht gehört.

wahlheimat.ruhr/Danny: Es gibt hier einen, der ist im weitesten Sinne Hobbyfilmer gewesen, der hat halt Auftragsfilme angenommen, hat sich aber mit Crowdfunding dann das Ziel gesetzt, einen Kinofilm zu machen. Und dann hat der hier – ich glaub – ein paar tausend Euro eingesammelt und hat dann mit Sponsoren und der VHS in Mülheim einen abendfüllenden Kinofilm hingelegt.

Sönke: …und ist schon fertig?

wahlheimat.ruhr/Danny: Jaja, der Film läuft hier schon tatsächlich die 6. Woche

Sönke: OK!

wahlheimat.ruhr/Danny: …in kleineren Programmkinos, eins in der Innenstadt und Essen, zum Beispiel.

Sönke: Naja, da fehlts dann halt an Geld für Werbemaßnahmen, da hat die Nachricht mich noch nicht erreicht, dass es den Film gibt.

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Wir haben uns den Film angeguckt, ich fand den schon ganz niedlich, eben weil man auch immer dann sagt: OH! Die Ecke kenne ich! Und den kenn ich! Das ist wie hier in dem Film jetzt auch!

Frank: Das ist aber mehr Doku, kein Film, ne?

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Doch doch, die haben da auch schon eine kleine Handlung reingebracht, geht um eine Familie, der Vater irgendwie, wo arbeitet der?

Frank: Ach, ist das das mit dem Pförtner?

wahlheimat.ruhr/Danny: Ja genau, da sind dann die ganzen Comedian-Kolllegen, die dann dabei waren und sich abgewechselt haben.

Frank: Ach genau, die hatten angefragt, aber ich konnte nicht. Jetzt weiß ich wieder.

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Es geht dann darum, wie sich die Familie entwickelt, so ganz vorsichtig wird auch das Thema Depressionen angepackt, ich fand das einfach auch ganz nett verpackt. Ist halt jetzt nicht sooo viel, aber ich fand das ganz nett zu gucken, ach die Ecke kennste oder auch mal ein bekanntes Gesicht, och, den kennen wir auch, das ist einfach ganz witzig. Aber Programmkino.

An der Kinokasse.
An der Kinokasse.
wahlheimat.ruhr/Danny: Gut. Haben Sie Lieblingsorte im Revier? Also wenn Sie jetzt hier Urlaub machen würden? Würden Sie überhaupt für den Sommerurlaub hierhin kommen?

Sönke: Naja, ich wohn ja quasi um die Ecke. Also meinen Sommerurlaub würde ich jetzt nicht im Ruhrgebiet verbringen. Dafür bin ich zu oft dann doch da.

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Formulieren wir die Frage anders. Sie bekommen Besuch von anderswo, was würden Sie denen hier im Pott denn zeigen?

Sönke: Ich würde denen ganz sicher die Zeche Hannover zeigen, ich würde denen in Bochum auch den Profigrill zeigen, das ist ne Pommesbude in der Bochumer Straße. Ich würde denen Haus Fey zeigen… Das würde ich machen. Es gibt viel, Landschaftspark in Duisburg, finde ich auch sehr aufregend. Die Ruhr finde ich auch gut – kann man ja auch wieder drin schwimmen.

wahlheimat.ruhr/Danny: Baldeneysee, genau.

Sönke: Auch.

wahlheimat.ruhr/Danny: …konnte man vorher auch drin schwimmen, halblegal…

Sönke: Das würde ich zeigen.

Frank: Ich hätte ein ähnliches Besichtigungsprogramm, Haus Fey müsste definitiv dabei sein. Ach ja, und ich würde die Leute nach Zollverein schicken, das Ruhrmuseum. Zeche Hannover – der Museumsleiter, mit dem hab ich studiert, der hat mit mir Geschichte studiert, das liegt mir also sowieso sehr nahe. Und Theo Grütter, der Chef vom Ruhrmuseum, den kenne ich noch von früher, da war der aber schon Dozent, als ich noch studiert habe. Und ich finde das ganze Zollvereinsgelände schon sehr eindrucksvoll

wahlheimat.ruhr/Danny: ..das wächst da ja auch immer noch weiter, das ist schon sehr beeindruckend…

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: …die Führungen sind da ja auch immer sehr schön, wenn die dann von nem alten Kumpel gemacht werden, ist das so aus erster Hand, das ist anders als wenn das ein angelernter macht!

wahlheimat.ruhr/Danny: Das gibt es auch extra für Kinder zum Beispiel, die machen das da sehr schön mit den kleinen Stöppken!

Frank: Dadurch, dass da auch die Kokerei dabei ist, ist das ein unfassbares Gelände, was, glaube ich – was heißt glaube, ich WEIß, dass es viele überrascht, welche Ausdehnung diese Anlagen früher gehabt haben und heute immer noch haben. […] Und vor allem, wenn die Leute irgendwie gegenüber vom Eingang der Zeche gewohnt haben. Und ich bin auch froh, dass es im Ruhrgebiet viele dieser Dinge noch gibt. Ich hab neulich mit dem Intendanten von Oberhausen gesprochen, der hat ein Stück gemacht über den britischen Bergarbeiterstreik in den 80er Jahren, 1984, der hatte britische, englische Gewerkschafter da, die kriegen feuchte Augen hier, weil bei denen alles plattgemacht worden ist. Die haben auch sozial alles plattgemacht, das ist in NRW und im Ruhrgebiet auch eine andere Geschichte, da hat viel Geld gekostet, ist aber sozial verträglicher gemacht worden, obwohl sie bis heute noch Problem haben, das darf man auch nicht verleugnen. Aber es stehen auch noch viele dieser alten Anlagen. Da kommt so ein alter Bergmann, Gewerkschafter aus Großbritannien, der sieht Zollverein und andere Orte der Erinnerung, der kann das gar nicht fassen, der ist im Himmel. In England hat man sich oftmals dem ganz entledigt.

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Aber es gehört ja doch dazu.

Frank: Das gehört absolut dazu, man kann nicht einfach tun, als wärs nicht dagewesen. Genau, finde ich auch. Deshalb würde ich Leute da mit hinnehmen. Und wenn man dann im Bermudadreieck unterwegs ist oder ins Theater geht, dann sieht man wie modern die Gegend auch immer war. Bochum war schon in den 60ern relativ modern aber mit Zadek in den 70ern – 73 hat die letzte Zeche in Bochum geschlossen und zur gleichen Zeit wurde Bochum absolute Theaterhochburg. […]

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Die Pflegschaftssitzung. Ich bin in dem Buch über das Wort gestolpert – jeder andere sagt Elternabend.

Frank: Da sieht man, wer dann in die Elternpflegschaften geht.

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Ein Indiz für Familie und Kinder!

Frank: Obwohl ich meistens zu den Elternabenden selbst nicht hingehen kann, weil ich Auftritte habe, da muss meistens meine Frau hingehen, wenn die nicht selber vorgespielt hat. Und ja Elternabend ist eigentlich das flüssigere Wort, aber für mich ist damit immer so ein Aufwand mit verbunden so ein Amt zu begleiten, deswegen hab ich wahrscheinlich „Pflegschaft“ verwendet.

wahlheimat.ruhr/Danny: Welche Bücher liegen gerade bei Ihnen auf dem Tisch oder was lesen Sie gerade? Bleibt noch Zeit zum Lesen?

Frank: Ich lese sehr viel, natürlich auch als Input zum Schreiben. Dann hab ich am Schauspielhaus Bochum eine Literaturshow, die heißt „Goosens neue Bücher“. In Form von einer Latenight-Show stelle ich da zusammen mit einem Sidekick Bücher vor und habe auch immer Gäste dabei. Deswegen lese ich schon deshalb – was Sönke Wortmann mit Filmen hat, hab ich mit Büchern. Ich lese jetzt zur Zeit von Gerhard Henschel „Jugendroman“. Henschel hat so ein riesiges Erinnerungsprojekt, wo er das Aufwachsen seines Helden, Martin Schlosser, in der alten Bundesrepublik, beginnend in den 70er Jahren, sehr detailliert nachzeichnet. Das sind Bücher, es gibt „Kindheitsroman“, „Jugendroman“, „Abenteuerroman“, „Liebesroman“, „Arbeiterroman“ – das ist der neue – und er ist bisher erst von 1974 bis 1983 gekommen. Also es ist ein Erinnerungswerk von proustschen Ausmaßen, wirklich eine Zeitreise. Das sind jetzt alles keine Bücher, die irrsinnig viel Handlung haben, mit Wendungen und so, sondern wirklich als wenn man diese Zeit nochmals durchlebt. Es ist ein sehr westdeutsches Buch, da hat die Wiedervereinigung noch nicht stattgefunden, ist aber sehr beeindruckend. Nicht strandkorbmäßig, aber sehr beeindruckend, wie detailliert er auch den Ton trifft, also der Junge redet und so, mit den sprachlichen Versatzstücken, die man von früher kennt.

wahlheimat.ruhr/Danny: Klingt spannend. Bei Ihnen noch ein Buch, das irgendwo noch liegt?

Sönke: Zwei! Also eins habe ich gerade zuende gelesen, das heißt „Hool“, von Philipp Winkler. Da geht es um die Fanszene einer Fußballmannschaft. Sprachlich überragendes Buch. Dazu lese ich gerade die Autobiographie von einem Helden meiner Jugend, Wolf Biermann.

wahlheimat.ruhr/Danny: Danke. Gut, dann haben wir noch eine letzte Frage, weil das auch in dem Buch eine Rolle spielte: Auf welchem Programmplatz ist denn der WDR bei Ihnen im heimischen TV?

Frank: Na, wo er hingehört, auf Drei!

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: So muss das.

Sönke: Aber das ist eine gute Frage! Lustig. Aber wo sonst?

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Das sind ja auch immer noch die Dritten.

wahlheimat.ruhr/Gerlinde: Und es ist ja Ihr letztes Interview auf dieser Tour, sozusagen letzter Arbeitstag. Und Sie haben im Buch einmal notiert, es gab da eine Tüte Lakritz am Büdchen. Wir haben da flüssige Lakritze hier in unserem Ruhrgebietsladen gefunden – und einmal Kräuter. Bitteschön!

Frank: Können wir tauschen? Ich steh mehr auf Kräuter! Vielen Dank!

wahlheimat.ruhr: Danke sehr für dieses Interview. Tschüß!

Frank Goosen musste dann ganz schnell weg, Elfriede war auch auf dem Heimweg, und in all der plötzlichen Hektik haben wir dann ganz das obligatorische Selfie mit den Interviewpartnern vergessen. So ein Pech. Ganz lieben Dank aber noch einmal an die zwei, sie haben viel Geduld zu später Stunde mitgebracht und wir fanden es war ein ganz töftes Gespräch in so kleiner Runde!

Sommerfest – ein Interview mit Sönke Wortmann und Frank Goosen
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2 Gedanken zu „Sommerfest – ein Interview mit Sönke Wortmann und Frank Goosen

  • 18. Juli 2017 um 19:54
    Permalink

    Herrlich! Ich habe laut lachen müssen bei den Erzählungen von Elfriede. Sehr schönes Interview. Jetzt muss ich nur noch den Film sehen …

    Antworten
    • 18. Juli 2017 um 19:57
      Permalink

      Elfriede ist ein Original, ich fand es klasse, dass sie dabei war. Dann mal viel Spaß noch im Kino!

      Antworten

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