Das Ende ist gekommen! Also das Ende vom Kohleabbau im Ruhrgebiet. Die Ruhrmuseen hatten dazu ne ganz töfte Idee und haben zusammen „Kunst und Kohle“ aus der unterhöhlten Ruhrgebietserde gestampft. Einige der zahlreichen Aktionen habe ich in den letzten Monaten besuchen können. Manche sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nun schon am Ende, andere gehen noch ein paar Tage – zum Teil bis in den November.

Offenlegung: Die Ausstellung auf Kokerei Zollverein hat meinen Besuch mit einer kostenfreien Eintrittskarte unterstützt, das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr habe ich mit der diesjährigen RUHR.TOPCARD von Ruhr Tourismus besucht. Meinungen und Eindrücke bleiben wie immer meine eigenen.

Inhalt

  • Ludwiggalerie Schloss Oberhausen: Glück auf!
  • Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr: die Essenz der Kohle
  • Schloss Strünkede: Coal Market
  • Kokerei Zollverein: Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte.
Ausstellungsplakat "Kunst & Kohle" am Mülheimer Hauptbahnhof.
Ausstellungsplakat „Kunst & Kohle“ am Mülheimer Hauptbahnhof.

Ludwiggalerie Schloss Oberhausen: Glück auf!

„GLÜCK AUF! Comic und Cartoon von Kumpel Anton über Jamiri bis Walter Moers“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen stellt(e) Comics und Cartoons von und mit bergmännischem Hintergrund in den Mittelpunkt. Bei einer Direktorinnenführung mit Christine Vogt erfuhr ich, warum die Pinguine einen weißen Bauch haben – Dachma entführt uns in die kohlenstaubgeschwängerte Luft der Vergangenheit.

Auch Kumpel Anton von Otto Berenbrock war in den 50ern in der hiesigen Zeitung sehr beliebt, er hat deswegen einige Erinnerungsstücke bekommen.

Die Werke von Ralf König und Jamiri etwa werdet Ihr ebenfalls kennen, aber auch für mich bisher unbekannte Autoren wie Ralf Marczinzik geben einen Einblick auf ihre Art in die mitunter schwere Arbeit der Kumpel Unter Tage.

„Leckofett“ entfährt es doch glatt dem Opa Hausen (der bei der Führung mit von der Tour ist), als er erfährt, dass das ganze Ruhrgebiet wohl mal ein Diamant geworden wäre – hätte man die Kohle nicht weggemacht. So ähnlich sieht Walter Moers das nämlich in seiner „Stadt der träumenden Bücher“.

Wer den Adolf Hennecke hier verewigt hat, habe ich leider vergessen. Er war in der DDR so eine Art Volksheld, da er in seiner Schicht derart rangeklotzt hat, dass sein Soll um fast das Dreifache übererfüllt wurde.

„Die blaue Flamme“ hat mich glaub ich am meisten beeindruckt, ihr Schöpfer Steff Murschetz war ebenfalls mit in der Führung. In dieser Auftragsarbeit wird die Geschichte eines Schlagwetters auf der Oberhausener Zeche Osterfeld thematisiert. Steff hat erzählt, dass für Sympathiepunkte beim Leser auch ein Grubenpferd eingebaut wurde, die Geschichte selbst schuf er auf „Steinpapier“.

Auch in der Micky Maus gab es mal einen Ausflug ins Ruhrgebiet – wie man hier sieht. Die Glück-Auf-Ausstellung endete zum 09. September.

Schloss Strünkede: Coal Market

Das Wasserschloss Strünkede in Herne wurde vom Künstler Ibrahim Mahama teilweise in alte Säcke gehüllt. Diese gebrauchten Säcke aus Jute werden in seiner Heimat Ghana für den Transport aller möglichen Güter benutzt – eben auch für Kohle. Hier wird deutlich, dass Kohle auch global gehandelt wird, zu unterschiedlichsten Bedingungen. Was hier für eine Plackerei dahintersteckt? Man kann es nur schwer erahnen…

Die Verhüllung wurde am 26. August vorzeitig beendet (störte wohl Hochzeitsfotos und auch einen geplanten Mittelaltermarkt, wenn ich das so richtig in Erinnerung habe).

Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr: die Essenz der Kohle

Im Kunstmuseum „Alte Post“ gewährt Helga Griffith einen ganz anderen Blick auf die Kohle. Mit „Die Essenz der Kohle“ führt sie den geneigten Kunstbesucher in die brodelnde Küche eines Labors, dass die gleichnamige Essenz der Kohle destilliert. Der staunende Besucher bekommt zudem einen künstlichen Diamanten aus Ruhrkohle zu sehen – leicht gelblich wegen der Einschlüsse im Ausgangsmaterial funkelt der 1,3-Karäter im Gegenwert von gut 10.000 Euro über einem Haufen großer Anthrazit-Kohlebrocken im künstlichen Licht. Sehenswert!

Leider sind Fotos im Kunstmuseum nur für private Zwecke erlaubt, daher hier nur ein Blick auf das Echtheitszertifikat für den Diamanten.

Dazu gibt es eine fantastische Rauminstallation mit glimmenden Prismen im Takt eines Videos (bei meinem Besuch leider gerade defekt) zu erleben. Die Essenz der Kohle läuft noch bis 16. September.

Parallel gibt es auch „Die Essenz der Reise“ zu sehen, insbesondere aber auch zu riechen. Helga Griffith hat außergewöhnliche Installationen wie Eindrücke einer Stadt, der Grenzüberschreitungen eines syrischen Flüchtlings oder ihrer Ideen zum Weltraum in Duftform eingefangen. Dazu gibt es ungewöhnliche Bilder einer blinden Begleiterin.

Kokerei Zollverein: Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte.

Streng genommen gehört diese Ausstellung nicht zu den Kunstmuseen, aber da auch einiges an Kunst dabei ist, sehe ich das mal nicht so eng. „Das Zeitalter der Kohle“ ist dabei eine gemeinschaftliche Ausstellung des Ruhrmuseums auf Zeche Zollverein und des Deutschen Bergbaumuseums Bochum. Schon mal vorab: die Ausstellung hat für ihre Gestaltung den Red Dot Award Communication Design 2018 bekommen, und ich denke, das ist absolut verdient!

Die Kokerei Zollverein ist riesig, Ausstellungen hier unterzubringen ist sehr aufwändig und deswegen auch nur alle paar Jahre möglich. Begonnen wird die aktuelle Ausstellung recht originell: mit einer Fahrt in einer Standseilbahn auf der Strecke der ehemaligen Fettkohle, umdröhnt vom Steigerlied. Im Zeitalter der Kohle bewegt sich der Zuschauer nun quasi in der Geschichte der Kohle und ihrer Entstehung vorwärts, gewinnt aber auch Einblicke, wie stark sich Europa durch Kohle und davon abhängende Industrie geformt hat. Ich hatte das Glück, an einer tollen Führung von Dr. Birgitta Hübner teilnehmen zu dürfen – sie ist eigentlich Archäologin, hat ihr Herz aber an die Kokerei verloren…

Im Karbon ist der Planet Erde erstmals grün, Farne aus diesem Zeitalter werden später einmal unter anderem genau die Kohle bilden, die das Ruhrgebiet zu dem gemacht hat, was es heute ist. Diese Farne stehen hier neben einem riesigen Kohlebrocken, dem größten, der jemals am Stück gefördert wurde!

Wenn man übrigens schon mal hier oben ist: ein grandioser Blick über die grüne Umgebung gibt’s von der Aussichtsplattform! Die IBA (Internationale Bauausstellung) Emscherpark hat 2001 Zollverein für ihre Abschlussinszenierung genutzt. Damals war auch das Sonnenrad noch in Betrieb: die Solarmodule, die man von hier oben sieht, haben die Besucher gestiftet („Sonne, Mond und Sterne“ war damals das Motto). Seitdem ist die Kokerei begehbar, noch viel länger als die Zeche Zollverein selbst.

Die weitere Ausstellung ist in den Etagen wie in Schichten organisiert: vom Wald geht es weiter in die Kohle. Einblicke in den Kohleabbau im Zuge der Jahrhunderte, insbesondere die Gefahren für die Kumpel, lassen sich etwa durch Entwicklung und Fortschritt bei Schutzausrüstung und Arbeitsmitteln erleben. Der ausgestellte Schuh gehörte übrigens einem Kumpel, der – nach einem Grubenunglück eingeschlossen – hierüber Nahrung und Wasser am Ende eines Rohres zugeführt bekam.

Wir beziehen Kohle mittlerweile etwa aus Australien, obwohl die Ruhrgebietskohle noch für gut 3.000 Jahre reichen würde. Aber kostenseitig kann der Ruhrpott einfach nicht mehr mithalten. So wird selbst die Kokerei in Bottrop mit Kohle aus Kolumbien betrieben – obwohl die Zeche direkt umme Ecke liegt…

Drucklufthämmer zur Jahrhundertwende, die Erfindung der Dampfmaschinen – jetzt war plötzlich die Mergelschicht durchbrochen und die Fettkohle erschliessbar. Wenn wir jetzt den Schacht, pardon, die Treppe hinuntergehen, werden nun auch Nebenprodukte sichtbar. Die Kohle wird zum Ursprung… …von Gas und Farben!

Wer sich an einer großartigen Sammlung von Gaslaternen sattgesehen hat, wird nun von einer überwältigenden Wand aus 3.800 Phiolen und Fläschchen geplättet. Was hier an Farbeindrücken – basierend auf Teeröl übrigens – auf den Besucher einwirkt, ist schlicht atemberaubend. Na, wer entdeckt die Flasche Eierlikör? :D

Was man aus Kohle noch herstellen kann, beweist Jonathan Anderson mit seiner raumfüllenden Skulptur aus Kohlenstaub.

Weiter geht’s dann mit dem Stahl. Von Lyon bis St. Etienne – die Welt wird mobil. Wir schreiten in der Zeit voran, Künstler gesellen sich zu den Kumpeln oder werden aus ihrer Mitte geboren. Margarete Krupp spendet die Gartenstadt in Essen und sorgt so für neue Maßstäbe im kargen Wohnumfeld der Kumpel und ihrer Familien.

Nach dem Dritten Reich rückt Europa endlich in den Fokus. Die Gründungsurkunde der Montanunion ist sowas wie der Vorgänger unseres modernen Europas. Sie findet sich hier inmitten anderer europäischer Gedanken.

Auch die Ruhrfestspiele in Recklinghausen haben ihren Ursprung in der Kohlegeschichte – wer sich aufmerksam umschaut, wird die Referenz inmitten vieler weiterer Errungenschaften und Folgen der europäischen Kohle- und Stahlindustrie in den ehemaligen Kohlebunkern finden.

Was mich besonders gefreut hat, ist eher versteckt in einem der Kohletrichter zu finden: einer der Schachtzeichen-Ballons aus dem Kulturhauptstadt-Jahr 2010. Ich selbst habe eines der Schachtzeichen als Volunteer betreut, eine tolle Erinnerung!

Die Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle“ ist noch bis 11. November 2018 in der Kokerei Zollverein besuchbar.

Kunst und Kohle(geschichten) – eine gemeinsame Aktion der Ruhrmuseen zum Ende des Bergbaus
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